Viele von uns hängen sich mit einer solchen Leidenschaft in ihren Job, dass sie gar nicht mehr wissen, wie sich Erholung anfühlt, wie stiller Genuss. Sie denken, sie seien frei wie nie, dabei sitzen sie in der FALLE DER MODERNE.
Ein Plädoyer fürs Tagträumen
Von RÜDIGER BARTH
Die Falle ist raffiniert. Wer Menschen dazu bringen wolle, ein Schiff zu bauen, sagte der Schriftsteller Antonie de Saint Exupery, der gebe ihnen nicht etwa den Befehl, Bäume zu fällen, und drücke ihnen Säge und Hammer in die Hand. Der lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.
Und da sind wir nun, auf unserem weiten, endlosen Meer. Wir sind stolz auf das Schiff, das wir bauten, auch wenn es kein Segler geworden ist, sondern eine Galeere. Den Takt der Trommel hören nur wir, wir lächeln dazu, denn das Rudern macht Spaß, und wir kommen gut voran.
„Wir?" Wir. Vielen geht es so -nicht alle gestehen es sich ein. Es ist die Sehnsucht, die uns weiter rüdem lässt. Die Sehnsucht nach einem Glück, von dem wir in lichten Momenten ahnen, dass es uns nie erfüllen wird. Es gibt kein Joch mehr wie in früheren Zeiten, keiner zwingt uns, uns bis zum Anschlag zu verausgaben. Es gibt nur die eigene Erwartung, so gut zu sein wie möglich. Nur den begründeten Verdacht, ersetzbar zu sein. Nur das Dauerfeuer der Kollegen und unseren Ehrgeiz.
Sehnsucht ist ein starker Antrieb. Psychologen sprechen von „intrinsischer Motivation", die sich speist aus der Lust an Herausforderungen. Trainer im Profisport suchen gezielt Athleten, die dieses innere Feuer haben, die von sich aus anstreben, Grenzen zu überwinden, die ihnen gesetzt scheinen. Solche Menschen brauchen keine Peitsche und kein Preisgeld, die brauchen nur ab und zu ein Lob.
Die Arbeitgeber des 21. Jahrhunderts lieben das. Kluge Chefs vertrauen ihren Mitarbeitern keine Stempelkarte mehr an, sondern Verantwortung. Sie wissen, dass sie uns nur ein Höchstmaß an Freiheit gewähren müssen, um uns zur höchsten Leistung anzuspornen. Genug Zwang üben schon die anderen freien Geister aus. Überall Menschen, die in der U-Bahn Deals abschließen, die im Urlaub ihre Mails abrufen, die das Handy nachts neben dem Bett liegen haben. Smartphones haben keine Leine, aber sie sind die Ketten
der neuen Zeit.
Was vor Jahren ein großes Versprechen schien, als reizvolles neues Lebensmodell, das Horizonte öffnen würde, ist Alltag: Die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben sind verwischt Statt von acht bis zum Feierabend um fünf Uhr im Büro zu sitzen, dürfen auch Angestellte von zu Hause aus arbeiten oder im Caf6 und am Strand Einfälle ausbrüten. Wir alle, die solche entgrenzten Jobs haben, fühlen uns unerhört frei, und wir rudern, rudern. Dabei merken wir gar nicht, was wir aufgeben. Vor allem dies nicht: in welchen Mahlstrom wir hineinsteuern. Es geht um den Preis der Freiheit .
Was auf der Strecke bleibt, sind Augenblicke der Schwerelosigkeit mit dem Partner, in denen die Welt uns mal gernhaben kann. Sex passt zu oft nicht in diesen proppenvollen Tag, morgen Abend sind wir vielleicht weniger müde, verschieben wir's. Und morgen werden wir es wieder verschieben, der Tag wird zu voll gewesen sein. Wenn wir abends mit unseren Kindern spielen, fällt es uns schwer, uns auf ihre Art des Spielens einzulassen, denn Kinder verlieren sich im Spiel, fern jeden Zeitgefühls. Zwei Klötzchen stapeln wir aufeinander und denken dabei an die nahende Deadline, sind unfähig, nicht daran zu denken. Da drüben blinkt der Blackberry - schon setzt der Sog ein nachzusehen.
Wir sitzen mit unseren Freunden beim Essen im Kerzenschein und schweifen in Gedanken ab, weil uns das Geplauder unergiebig vorkommt. Samstagnachts gehen wir um eins nach Hause, sonst ist der Montag zu schnell da, Montag wollen wir fit sein. In den Wartehallen der Flughäfen starren wir wie unter Drogen auf unsere Laptops, im Ohr Kopfhörer. In den Zügen sitzen wir über kleine Displays gebeugt und tippen vor uns hin -Autisten freien Willens, die niemals bei einer Sache sind, sondern in einem virtuellen Raum jenseits der Gegenwart, zwischen den Analysen des Gestern und den Plänen für morgen. Wenn wir eines Tages, aussortiert und entkräftet aufwachen, werden wir dieses Zwischenreich nicht mehr verstehen. Aber uns fragen, wo nur die Zeit geblieben ist Natürlich reden wir nicht von denen, die gern Arbeit hätten, aber vergebens einen Job suchen - auch weil ihnen ihr Zuviel an Zeit schal vorkommt, wie entwertet von der Gesellschaft. Vor allem reden wir nicht von denen, die durchaus Arbeit haben, denen selbige aber, Krise hin, Krise her, im Grunde völlig egal ist Es -* geht um den überengagierten Mittelbau, der jeden Tag sein Bestes
gibt, um Manager, Kreative und Künstler, das versteht sich, aber auch um Ingenieure, die bis in die Nacht mit Amerika telefonieren und am Vormittag mit Australien, Ärzte, die im Urlaub in die Klinik simsen, wie sich ihr Sorgenkind macht, IT-Projektleiter, die ein Buchhaltungsprogramm in ihr multinationales
Unternehmen einführen sollen, Wissenschaftler, die vor lauter Publizieren nicht mehr zur Kontemplation
kommen.
Die Rede ist von denen, die Svenja Flaßpöhler in ihrem gerade erschienenen Buch „Wir Genussarbeiter"* mit beklemmender Tiefenschärfe ins Visier nimmt. „Für uns Genussarbeiter ist Genuss Arbeit und die Arbeit umgekehrt Genuss", schreibt die Philosophin, und im Gespräch fügt sie hinzu: „Die ekstatische Lust zu arbeiten, die Menschen Befriedigung schenkt, schlägt immer mehr um in eine exzessive Lust, in eine zwanghafte Lust. Der unersättliche Anspruch der Hochleistungsgesellschaft einerseits und unser Ehrgeiz andererseits lassen uns nach einer Anerkennung streben, die niemals so ausfällt, wie man sie sich erhofft." Ihr Buch ist eine in weiten Teilen virtuose Tour durch die verborgenen Abgründe der Gesellschaft im Jahre 2011, und sie analysiert Massenphänomene, deren Nahen empfindsame Geister schon in früheren Zeiten wahrzunehmen vermochten. „Man denkt mit der Uhr in der Hand, wie man zu Mittag isst, das Auge auf das Börsenblatt gerichtet - man lebt wie einer, der fortwährend etwas versäumen könnte'", schrieb Friedrich Nietzsche im Jahr 1882. Mehr als ein Jahrhundert später merkt Flaßpöhler an: „Einerseits sind wir so frei wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit, andererseits aber werden wir mit immer absurderen Leistungsforderungen konfrontiert, die wir fatalerweise mit unserem eigenen Begehren identifizieren. Was wir wollen und was wir müssen, ist in Zeiten zunehmender Selbstverantwortung und Selbstausbeutung kaum noch unterscheidbar." Was verloren gehe, sagt sie, „ist das Gefühl für die eigenen Grenzen. Wir unterliegen dem Irrglauben, dass wir uns selbst verwirklichen, wenn wir immer noch mehr arbeiten. In Wahrheit wissen wir vor lauter Arbeit überhaupt nicht mehr, was wir eigentlich selbst wollen."
Wir Genussarbeiter - bleiben wir bei diesem Begriff, er ist so präzise wie böse - sind in Versuchung, das Private nicht mehr in den Mittelpunkt des Privatlebens zu stellen, sondern als Umrahmung des Berufslebens zu verstehen. Unsere Freizeit organisieren wir so, dass sie unsere Leistungsfähigkeit wiederherstellt. Workaholics bemitleiden wir, es müsste sie jemand stoppen, bevor der Burnout kommt. Uns braucht keiner zu stoppen, wir haben alles im Griff. Wir gehen öfter mal früher nach Hause, wir sind ja erreichbar. Und wir werden auch erreicht, schreiben selbst noch schnell ein paar Mails kurz vor Mitternacht, denken, wie glücklich wir uns schätzen können, so frei zu sein. Wir sitzen in der Falle unserer Sehnsucht. Denn wir sind auf bestem Wege, jenseits der Arbeit das Genießen zu verlernen. Genießen in diesem Sinne heißt nicht: dreistündige Winterinspektion im Wellness-Tempel. Genießen heißt angstfreies, zweckfreies Sein. Dazu braucht es Aufmerksamkeit, Hingabe, Gelassenheit. Genießen bedeutet, die Maßstäbe zu vergessen.
Was wichtig ist, Interessiert nicht mehr, nur das, was schön ist. Es geht beim Genuss nicht darum, die Zeit auszupressen, es geht darum, die Zeit zu vergessen, das Leben anzuhalten.
Arbeit, so schrieb einst Mark Twain in seinem „Tom Sawyer", bestehe „in dem, was man zu tun verpflichtet ist", Spiel hingegen, „in dem, was man nicht zu tun verpflichtet ist". Heute ist aus dem Pflichtenheft des „Du musst noch", das man nach Feierabend an der Garderobe aufhängen konnte, ein ewiges „Du könntest noch" geworden. Auf der Strecke bleiben Spontaneität und Intensität. Früher waren es Philosophen wie Kant, die den Menschen den Müßiggang vergällten, weil sie den Genuss bestenfalls als wertlos, tendenziell als verdammenswürdig betrachteten. Aus Max Webers „Protestantischer Ethik", der Arbeitsethik, subtrahiere man heutzutage den Glauben. Nun sind es wir selbst, die uns strenge Askese verordnen.
Psychologen schlagen nach bei Sigmund Freud, auch Svenja Flaßpöhler beruft sich auf die Psychoanalyse, und erklären uns, warum wir nicht mehr genießen können. Zu viel Triebverzicht -» werde uns abverlangt, zu viel Selbstkontrolle, denn weil uns sonst ja niemand mehr kontrolliert, keine Kirche, keine Familie, keine Gewerkschaft, haben wir dies selbst übernommen. Wir prassen nicht mehr, wir werden nicht mehr anzüglich,
wir rauchen nicht mehr. „Mad Men", die US-Serie, die in den 60er Jahren spielt, erscheint uns wie eine Parodie auf all jenes, dem wir entsagen. Die Ratgeberindustrie verbietet uns Zucker, Fett, Alkohol, Salz. Die Lebensmittelindustrie verkauft uns Produkte, die Genuss ohne schlechtes Gewissen versprechen und schmecken wie ein Nebeltag am Main. Die allgegenwärtige Pornografie nimmt der Sexualität ihr Geheimnis und uns unsere Lust. Gemeint ist nicht die schnelle Nummer oder die einsame Nummer, gemeint sind die Momente, die wir nicht vergessen.
In früheren Zeiten erzwangen gesellschaftliche Konventionen den Triebverzicht, der Genuss lag in der Überschreitung des Verbots. Genuss heute bedeutet, wie Flaßpöhler schreibt, nicht mehr „Selbstverlust", sondern stattdessen „Instandsetzung des Selbst". Er dient nur noch einem Zweck. „Die Lust an der Überschreitung, die kennzeichnend fürs Genießen ist, lebt der Genussarbeiter vor allem in seiner Arbeit aus", ja, „insbesondere die Selbstüberschreitung im Beruf ist es, die ihm Lustgewinn bringt." Wollten wir je so werden?
Zugleich erhöhen wir das Tempo. Nicht der Kollege wird bewundert, der die Balance zwischen Familie und Job meistert wie kein anderer, sondern der, von dem es heißt, er brenne von beiden Seiten. Ein anderer sieht in Konferenzen kaum von seinem Handy auf, weil man ja neben dem Zuhören und Mitschwatzen
auch die Nachrichten checken kann - er sagt dir alles, was du wissen können möchtest, und noch mehr. So ein Verhalten sei keineswegs Abhängigkeit, hat der Neuro-Marketingforscher Martin Lindstrom in Experimenten festgestellt, es sei dies: Liebe. „Für viele", schreibt er in der „New York Times", „ist das iPhone Freund, Partner, Lebensader, Gefährte und, ja, sogar Romanze." Im Fernseher laufen die neuesten
Horrormeldungen vom Finanzmarkt, Telefonieren geht trotzdem, dazu googeln wir nebenher ein wenig (wer höflich ist, tippt die Tasten ganz weich, damit es der andere nicht merkt). Der Zeitforscher Karlheinz Geißler
nennt Typen wie uns „Simultanten", weil wir mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen pflegen - und oft nur so tun, als könnten wir das.
Wissenschaftler des Londoner King's College haben herausgefunden, dass der Intelligenzquotient ihrer Probanden um zehn Punkte absinkt, wenn sie mehrere Aufgaben auf einmal angehen, wie es in der heutigen Arbeitswelt üblich ist. Es mag sich trotzdem auszahlen, aber dieses Multitasking verwandelt gemeinhin sanfte Menschen in zuckende Nervenwracks. Die sich nicht mehr unterhalten können, ohne auf ihr Handy zu schielen, die den Kampf bis zur Genusslosigkeit aufgegeben haben. Teil dieser rasenden Gesellschaft zu sein, diesem Sog kann man sich kaum entziehen. Ihre Lagerfeuer, an denen sie sich versammelt, sind die Liveticker der Nachrichtenseiten im Netz. Stets gilt es für alle von uns mitzuhalten, auf eine Mail rasch zu antworten, die Idee eins weiterzudrehen, bevor es andere tun. Die wenigsten können es sich leisten, nicht
zu reagieren oder mit Wochen Verspätung. Diese Menschen werden meistens Chefs genannt.
Seit Kurzem erscheinen mehr und mehr Bücher, die nicht nur über das Paradoxon der Zeitnot im Zeitalter der Zeitersparnis lamentieren, sondern dessen Ursprung auf den Grund gehen. Zwei Liedzeilen aber genügen auch, um uns Genussarbeiter vollständig zu entlarven: „Muss nur noch kurz die Welt retten, danach flieg ich zu dir", singt Tim Bendzko, „noch 148 Mails checken, wer weiß, was mir dann noch passiert, denn es
passiert so viel." Über den Song schmunzeln wir und merken gar nicht, dass uns das Lachen im Hals verrecken sollte. Wir Meister lichtschneller Kommunikation fühlen uns alle als Weltenretter. Nur uns selbst zu retten, darauf kommen wir nicht. Die Gewohnheit, aus jeder Stunde das Maximum herauszuholen,
lässt uns jeden Moment der Ziellosigkeit verdächtig erscheinen. Doch nur ziellos werden wir wieder
unsere Sinne einschalten können, nehmen wir wahr, wo wir sind, wie es riecht, wie die Welt klingt. Ein guter Drink hilft, den Quirl auszuschalten, einen Zustand der Schwerelosigkeit zu erreichen, aber das muss auch gelingen ohne Drink. -
In ihrer gut gelaunten Verzweiflung, die sie als Tatkraft tarnen, hilft vielen nur noch rohe Gewalt. Die nennen sie Sabbatical. Sie brechen aus für ein paar Monate und kappen alle Verbindungen, weil dies die einzige Möglichkeit ist, die Fließbänder der Gedanken stillzulegen. Wenn diese Menschen endlich zurückkommen, sehen sie sehr erholt aus und schwärmen von der neuen Gelassenheit, die sie gewonnen haben. Und dann opfern viele von ihnen die Gelassenheit ihrer Sehnsucht nach dem Meer und beginnen wieder zu rudern.
Wir brauchen also nichts weniger als eine Revolution. Wir brauchen mehr von der Sorte des Schreibers Bartleby, den sein Schöpfer Herman Melville sagen ließ: „Ich würde vorziehen, es nicht zu tun." Wir brauchen Unternehmer, die ihren Genussarbeitern das Karussell auskuppeln, wie Henkel-Chef Kasper Rorsted, der gerade seinen Mitarbeitern zwischen Weihnachten und Neujahr E-Mail-Verbot erteilt hat. Wir wollen sein wie Alexis Sorbas. Dessen Seilbahn, Traum seines Lebens, bricht am Tag der Einweihung krachend zusammen. Und der Verfasser Nikos Kazantzakis lässt seinen Griechen - ein Grieche! -ein Fest feiern, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Lebensgenuss ist das Gegenteil von Produktivität. Was einmal eine große Verheißung war, die Arbeit als Selbstverwirklichung, werden wir künftig als Fluch betrachten. Unsere Sehnsucht werden wir sezieren und ihr den Teil austreiben, der uns suggeriert, es
sei reizvoll, in der Arbeit unsere ganze Identität zu suchen. „Müßiggang ist aller Laster Anfang"? Müßiggang, das muss unser Anfang sein.
Wir werden uns vornehmen, was der Grantier Gerhard Polt liebevoll „herumschildkröteln" nennt - herumzusitzen, nicht um auf Ideen zu kommen, sondern um herumzusitzen. Wir werden uns beschränken, weil wir eh den Überblick verloren haben. Wir werden wieder wie als Kind aus dem Fenster schauen und tagträumen und, wenn uns einer fragt, was wir tun, sagen: Wir tun Muße. Der englische Berufsfaulpelz Tom Hodgkinson hat 2004 prophezeit: „Eine Revolution ist im Anmarsch, und das Tolle ist, dass ihr überhaupt nichts tun müsst, um euch anzuschließen." Aber Nichtstun genügt nicht. „Wir müssen Dinge aktiv sein lassen, auch im Sinne eines Streiks", sagt Svenja Flaßpöhler. „Im Moment kämpft und scheitert jeder nur
für sich selbst. Das muss sich dringend ändern."
Eine Kultur der Verweigerung werden wir begründen, in der ein „Nein" nicht verstanden wird als Ausweis mangelnder Motivation, sondern souveräner Persönlichkeit. Wir werden uns im Privaten fragen, was wir eigentlich mal vom Leben wollten. Brettspiele spielen, die sieben Stunden dauern oder sieben Tage. Mit unseren Kindern Klötzchentürme bauen, bis die Türme am Himmel kratzen. „La Traviata" hören,
ohne einzuschlafen. Gitarre lernen, bis wir „Sultans of Swing" von den Dire Straits nachspielen können, in der 11-minütigen Live-Version. Vielleicht sogar Pfeife rauchen, obwohl heute kein Mensch mehr Pfeife raucht. Wir werden angeln gehen an Gewässern satter Fische und segeln an windstillen Tagen. Nur rudern
werden wir nicht mehr. Wenn ein Chef es nicht versteht, erklären wir es ihm: Wir arbeiten an der Lösung. Denn das tun wir. Wie der Engländer Jerome K. Jerome vor rund 100 Jahren schrieb: „Es macht keinen Spaß, nichts zu tun, wenn man nichts zu tun hat." Wir werden eine Menge Spaß haben. Und es wird uns keinen Deut scheren, dass wir sogar das ökonomisch Sinnvolle tun, denn Wissenschaftler haben längst nachgewiesen, dass unser Gehirn Ruhephasen benötigt, um sich zu regenerieren. Und weil wir alle eines Tages unsere Sehnsucht entkleidet haben werden von den Lügen, wird unsere Revolution siegen. Vorigen Sommer saßen wir mit Freunden an einem Freitagabend in der Sonne am Starnberger See und hatten ein volles Glas Weißbier vor uns, da klingelte ein Telefon. Einer aus unserer Runde fluchte, meldete sich sofort, stand auf, ging davon, sein Schnitzel kam und wurde kalt, und schließlich sahen wir ihn sein Handy in den See werfen. Es war ein grimmiger, entschlossener Wurf. Das Handy flog in einem anmutigen Bogen durch
die Luft, sicher 20 Meter weit, und verursachte nur ein kleines Ploppen, als es ins Wasser schlug und so rasch unterging, als werde es von jemandem hinabgezogen. Ihr hättet es sehen sollen.
Wir sind erreichbar, wo immer wir sein mögen. Und wir werden auch erreicht Verschieben wir es auf
morgen. Und morgen verschieben wir es auf übermorgen Kinderspielen, als gäbe es kein Anderswo.
Anderswo: Das ist da, wo unsere Gedanken sind Müßiggang, das ist unser Anfang. Wir sind nicht
unmotiviert, wir sagen nur mal Nein
